Es ist achtzehn Uhr dreißig an einem Samstag im Dezember, ich sitze in einem niedlichen Café am Rande des Prenzlauer Berges und unterhalte mich nett mit einer Frau, die im vierten Monat schwanger ist und ihr Baby im Rahmen eines Geburtsurlaubes in einer Jurte zur Welt bringen möchte – ganz earthy und natürlich, für schlappe fünftausend Euro buchbar, ein Krankenhaus sei in der Nähe, falls doch mal etwas nicht „nach Plan“ laufen solle. Während ich – Vollblut-Projektmanagerin – mich frage, wie eine natürliche Geburt auch nur ansatzweise zu planen sei und warum zur Hölle sich das Ganze „Geburtsurlaub“ nennt, steht Christian, der Hosts des Abends, auf, um eine kurze Rede zu halten. Christian ist einer der beiden Moderatoren des wundervollen Podcasts „Die Sache mit der Liebe“ und hat uns alle eingeladen, um mit ihm das fünfjährige Bestehen des Podcasts zu feiern. Es sind etwa dreißig Leute von nah und fern angereist: Paare, Singles, Menschen in Partnerschaften, die aber alleine gekommen sind, die meisten im Alter zwischen dreißig und fünfzig. Ich selbst höre den Podcast schon seit Jahren und habe eine Menge daraus gelernt – deshalb war es mir wichtig anzureisen und bei diesem außergewöhnlichen Abend dazu zu sein.
Nachdem Christian mit warmen Worten den Abend eingestimmt und das Buffet eröffnet hat, stehe ich auf und stelle mich in die Schlange. Ich stehe keine fünf Sekunden, da werde ich von dem Mann vor mir angesprochen – es ist der Gast, der die weiteste Anreise hatte und mehr oder weniger extra aus Oslo eingeflogen kam. Wir tauschen ein paar Belanglosigkeiten über das Essen und die Location aus und ehe ich mich versehe stehe ich, meinen Teller mit Quiche und Zimtschnecke vor mir haltend, in einer Ecke und bin in ein Gespräch verwickelt. In rasender Geschwindigkeit erfahre ich alles über diesen Mann: was sein Job ist, wieso er in Oslo wohnt, wie seine Freizeitgestaltung aussieht, warum seine langjährige Beziehung gescheitert ist, welche Sprachen er spricht und wo überall auf der Welt er schon war. Ich komme mir vor wie in einem nie enden wollenden Sales Pitch, bei dem mir – dem scheinbar wichtigsten Stakeholder – alle KPIs präsentiert werden: fünf mal Oper pro Jahr, drei Fernreisen, teure Restaurantbesuche, Shoppingtrips in Europäische Hauptstädte – er ergießt sich in einer Glorifizierung seines Lebensstils, ohne meine subtilen Hinweise wahrzunehmen, dass ich es gar nicht so geil finde, wenn man ständig mit dem Flugzeug fliegt oder sein Leben nahezu ausschließlich auf Konsum ausrichtet. Ich versuche ein paar mal – ungefragt – das Thema auf mich zu lenken: dass ich gerne Bahn fahre, dass ich viel mit meinem Kind unternehme und Christian total darum beneide, dass er in diesem Café hier sitzen und sein Buch schreiben konnte. Ich biete viele Möglichkeiten inhaltlich anzudocken, nachzufragen, Interesse zu zeigen – es kommt schockierend wenig. Stattdessen weitere Erzählungen über teure Urlaube, ferne Länder und exquisite Weine – obwohl ich drei Sätze vorher nebenbei erwähne, dass ich gar keinen Alkohol trinke. Im Laufe des Gesprächs frage ich mich immer nachdrücklicher: Glaubt dieser Mann, dass das hier Flirten ist? Und wenn ja, hat er dann den Podcast überhaupt auch nur ein einziges Mal aufmerksam gehört?
Als dann irgendwann die Frage fällt, ob ich mir vorstellen könne in Oslo zu wohnen, bin ich vollständig konsterniert und frage mich, wie die Beziehung zu seiner Ex-Frau wohl aussah. War sie eine Mitläuferin, die einfach alles, was er unternehmen wollte, willenlos mitgemacht und sich untergeordnet hat? Zugegeben: Es gibt sicherlich schlimmeres, als wochenlange Urlaube auf den Azoren oder Malta oder Sizilien. Und wenn man als Partnerin wenig eigene Ideen, Ambitionen und Wünsche hat und es vollkommen okay findet, das scheinbar mehr als ausreichend vorhandene Geld ausschließlich für sich selbst auszugeben – naja meine Güte: Go for it. Leider ist das so gar nicht meins – und das hätte er mit ein paar kleinen Fragen sehr schnell herausgefunden und dann seine Zeit an diesem Abend mit einer anderen Frau verbringen können, die einen derartigen Lifestyle richtig cool findet und überhaupt auf der Suche nach einem Partner ist – denn, witzig: Ob ich auf der Suche nach einem Partner bin, hat er während des gesamten Gesprächs weder impliziert noch explizit gefragt.
Mr. Oslo beendet seinen Sales Pitch, indem er zum dritten Mal erwähnt, dass er am Montag auch noch einen Notartermin in Berlin hat und im übrigen plant, mit fünfzig in Rente zu gehen, denn dann hat er genug Geld verdient, um für sich und eine potenzielle neue Partnerin den Rest des Lebens komfortabel durchzufinanzieren. Ich nicke höflich, ignoriere ein weiteres Mal den Hinweis auf den Notartermin und denke: Wenn Partnerschaften so zustande kommen, dann wundert es mich nicht, dass so viele Menschen unglücklich miteinander sind. Als ich mich relativ abrupt verabschiede wirkt er erstaunt und versucht das Gespräch zu reaktivieren – aber auch jetzt, bei der augenscheinlich letzten Möglichkeit noch mal etwas zu reißen, kommt er nicht auf die Idee, mir eine Frage zu stellen. Also drehe ich mich um und gehe.
Trotz dieses bizarren Erlebnisses laufe ich nach dem ansonsten wirklich sehr schönen Event beschwingt und gleichzeitig merkwürdig beruhigt drei Kilometer durch die Berliner Nacht zu meinem Hotel und denke: Dieser Mann hat nicht verstanden, dass die Zeiten sich geändert haben. Die meisten Frauen wollen und brauchen keinen „Versorger“ mehr. Sie haben ihr eigenes Geld, ihre eigene Karriere, ihre eigenen Träume. Sie brauchen jemanden, der sich für das alles interessiert, der sie in ihren Ambitionen unterstützt und – ganz wichtig – der im Rahmen einer Familiengründung seine fünfzig Prozent der Care-Arbeit übernimmt. Kein Fünf-Gang-Menü dieser Welt kann aufrichtiges Interesse am Anderen ersetzen, keine Fernreise emotionalen und tatsächlichen Hands-On-Support, wenn es im Leben mal nicht gut läuft oder anstrengend wird. Also – weniger Sales Pitch, mehr Pop Quiz, denn: Wer nicht fragt, bleibt dumm.