Eine liebe Freundin, die gerade im Wochenbett liegt, hat mich gebeten etwas über das Wochenbett zu schreiben. Um endlich mal aufzuräumen, mit dem ganzen touchy-feely Nonsens, den man so in Geburtsvorbereitungskursen lernt. Um mal die Wahrheit zu sagen, über all das, was einen erwartet, wenn man mühevoll nach stundenlanger Quälerei ein Baby aus sich herausgepresst oder es bei vollem Bewusstsein aus dem Bauch herausgeschnitten bekommen hat. Um aufzuklären und dafür zu sensibilisieren, dass das Wochenbett meist ganz anders verläuft, als man es sich vorgestellt hat.

Und mit der Formulierung “im Wochenbett liegen” fängt es auch schon an. Keine Frau “liegt” im Wochenbett. Egal, wie schwer die Geburtsverletzungen sind und egal wie schmerzhaft es ist, mit durchtrennten Bauchmuskeln auch nur die kleinste Bewegung zu vollführen – man wird im Krankenhaus dazu gezwungen aufzustehen. Sicherlich ist das aus medizinischer Sicht sinnvoll, aber man ahnt kaum, wie anstrengend es sein kann, die simpelsten Alltagstätigkeiten nach einer Geburt alleine durchzuführen. Auf die Toilette gehen, während gefühlt literweise Blut aus einem herausströmt und sich der Unterleib anfühlt, als hätte eine Rugby-Mannschaft eine Woche lang darauf eingeprügelt. Sich aufrichten und halbwegs stabil im Bett sitzen, um ein paar Bissen der nicht-sehr-leckeren Krankenhausnahrung zu sich zu nehmen, nachdem man möglicherweise unter der Geburt tagelang nichts gegessen hat und der Magen verrückt spielt. Sein eigenes Baby halten, mit zitternden, von den Anstrengungen der Geburt schwachen Armen, und darauf hoffen, dass einem nicht der Kreislauf wegsackt und das Baby gleich mit. Oder – wie in meinem Fall – das schlechte Gefühl tagelang ertragen müssen, das eigene Baby nur im Sitzen halten zu können, weil Stehen, Gehen und Dinge heben, die schwerer als ein Kilo sind, erst mal nicht geht ohne Core-Muskeln.

Zusätzlich zu diesen ganz alltäglichen Dingen kommen all die Dinge, die man nach einer Geburt blitzschnell lernen muss. Jeder andere Mensch, der im Krankenhaus liegt, hat die Gelegenheit sich nach einem Eingriff zu erholen. Zu heilen, zu entspannen, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Aber eine frischgebackene Mutter muss direkt wieder einsatzfähig sein – egal wie sie sich fühlt oder wie die äußeren Umstände sind. Direkt nach der Geburt – meine Beine waren noch taub und ich war gedanklich noch im OP – wird einem das Kind auf die Brust gelegt und es wird erwartet, dass man zusammen mit dem Baby auch auf magische Weise die Kenntnis erhalten hat, wie man stillt. Die Unterstützung dabei, das Stillen zu erlernen, ist in den meisten Krankenhäusern schockierend gering. Ich mache den Hebammen keinen Vorwurf — es gibt einfach zu wenige von ihnen und sie müssen im Krankenhausalltag priorisieren, um welche Frau sie sich kümmern. Diese mangelnde Unterstützung resultiert oft in blutenden Brustwarzen, Milchstau und schreienden Babies, die Flaschennahrung zugefüttert bekommen müssen. Eine romantisch-harmonische Stillbeziehung ergibt sich direkt nach der Geburt meist erst bei den Zweit-Kindern, weil die Frau dann bereits weiß, was sie zu tun hat.

Neben dem Stillen gibt es noch das Wickeln, Anziehen und Waschen eines Säuglings zu lernen. Wohl dem, der dies bereits an anderen Babies üben durfte und nicht im Krankenhaus ohne irgendwelche Vorkenntnisse starten muss. Die meisten Freundinnen haben mir berichtet, dass sie direkt nach der Geburt sehr viel Angst hatten: Angst, das Baby zu hart anzufassen, Angst, beim Wickeln oder Anziehen etwas “kaputt” zu machen, Angst, eines der vielen Bedürfnisse des Kindes, die man noch gar nicht kennen kann, zu übersehen oder zu überhören und dadurch direkt den “Start ins Leben zu vermiesen”. Man darf diesen psychologischen Druck, den Frauen sich hier selbst aufbauen, nicht unterschätzen. Die meisten sind wohlinformiert und haben sich vorab Gedanken gemacht, wie sie mit ihrem Säugling umgehen wollen. Aber sie haben dabei nicht bedacht, dass jedes Baby anders ist und oft textbook-knowledge nur bedingt weiterhilft. Zudem startet man als Frau in der denkbar schlechtesten Ausgangsposition ins “Abenteuer Baby”: müde, angeschlagen, möglicherweise physisch (und in schlimmen Einzelfällen auch psychisch) verletzt und oft ohne adäquate Unterstützung.

Und dann irgendwann ist es geschafft – man darf das Krankenhaus verlassen und wieder nach hause, hoffentlich mit gesundem Baby und zumindest ein wenig erholt von der Geburt. Während das Kind in den ersten Tagen oft viel schläft und nächtliches Aufstehen meist nur selten nötig ist, sieht das nach ein paar Tagen daheim schon ganz anders aus. Der Still-Rhythmus stellt sich ein und wenn die Frau nicht bis jetzt gelernt hat, ordentlich zu Stillen, dann ist eine Brustentzündung quasi vorprogrammiert. Bei den meisten Kindern stellt sich am Anfang ein Stillrhythmus von zwei Stunden ein. Das heißt: erst zwanzig Minuten stillen an der einen, dann noch mal zwanzig Minuten stillen an der anderen Brust, dann eine kleine Pause von einer Stunde und zwanzig Minuten und dann geht das ganze Spiel von vorne los. Selbstverständlich über vierundzwanzig Stunden. Als Frau verbringt man am Anfang sehr viel Zeit auf der Couch – und wenn man nicht hart dagegen anarbeitet, kommt man um massive Rücken- und Nackenschmerzen vom vielen Sitzen in der Wiegehaltung gar nicht drum herum. Zudem fehlt einem Zeit, andere Dinge zu tun: ausreichend zu trinken, ausreichend zu essen, ab und zu mal zu duschen, einkaufen zu gehen oder die Wäsche zu machen. Hat man keinen Partner oder andere kompetente Unterstützung, weiß ich nicht, wie in diesem Szenario ein normales Leben gewährleistet werden soll. Meine Freundin im Wochenbett sagte mir neulich: “Ich komme mir so unproduktiv vor” und das hat mich schwer schockiert – denn etwas produktiveres, als einen kleinen Menschen mit der im eigenen Körper hergestellten Nahrung am Leben zu erhalten, gibt es ja eigentlich gar nicht. Dennoch habe ich verstanden, was sie gemeint hat: Wenn man vor der Geburt einen anspruchsvollen, fordernden Beruf hatte und auch sonst ein durch Hobbies und Freundschaften erfülltes Leben geführt hat, dann fühlt sich das plötzlich dauerhafte daheim-auf-der-Couch-sitzen-und-das-Baby-stillen im wirtschaftlich-kapitalistischen Sinne nicht produktiv an.

Der einzige Vorteil vom vielen Sitzen mit Baby im Arm ist, dass man Zeit hat all die vielen Fragen, die einem im Kopf herumschwirren, zu googeln: Trinkt mein Kind genug? Ab wann schläft ein Säugling durch? Wie lange dauert es, bis ich nach einem Kaiserschnitt wieder gehen kann? Welche Präparate helfen bei der Milchproduktion? Ist Neugeborenen-Gelbsucht schlimm? Was bedeuten die röchelnden Geräusche, die mein Kind nachts macht? Ich glaube ich war noch nie in meinem Leben so unsicher und habe so viel in Internet-Foren gelesen wie im Wochenbett. Und wie das so ist mit dem Internet: meistens macht es einen nicht schlauer, sondern nur ängstlicher und obwohl ich das wusste, konnte ich nicht damit aufhören, meine Unsicherheit durch fast schon suchthaftes Dauer-Googeln weiter zu befeuern.

Im Wochenbett müssen außerdem oft einige zuvor nicht bedachte Anschaffungen getätigt werden: man merkt, dass das Kind gar nicht in seinem Beistellbett einschläft und denkt über ein größeres Familienbett nach; man stellt fest, dass das Kind im Kinderwagen unruhig ist und holt sich eine Trageberatung ins Haus, um dann dreistellige Summen für ökologisch korrekte Tragetücher einer angesagten Marke auszugeben. Außerdem war ich persönlich täglich bei DM oder in der Apotheke: Neugeborenenwindeln, Fläschchennahrung, verschiedene Sauger für die Flasche, ein Präparat für den empfindlichen Säuglingsdarm, ein Milchproduktionsankurbelungsmittel für die schwachbrüstige Mama. Jetzt mag man denken “Gut, dann läufst Du halt jeden Tag kurz zu DM”, aber Kurz-zu-DM kann sich mit einem anspruchsvollen Säugling zu einer tagesfüllenden Aufgabe entwickeln: man muss den “Ausflug” mit dem Stillrhythmus abpassen, damit das Kind nicht im Laden vor Hunger brüllt, man muss sicherstellen, dass die Windel frisch ist, kein Spuck-Unfall kurz vor dem Rausgehen passiert ist, das Kind grundsätzlich in Stimmung ist um rauszugehen und man selbst will ja auch halbwegs repräsentabel aussehen, wenn man sich der Außenwelt stellt. Wie oft habe ich Nachrichten von Freundinnen bekommen, die in der Wochenbett-Phase einfach mal kurz einen (koffeinfreien) Kaffee trinken gehen wollten, die lauteten: “Ich verspäte mich, Otto hatte einen Kacka-Unfall” oder “Bin in einer halben Stunde da, Melanie hat mir auf die Schulter gekotzt.” Das klingt alles nun eher lustig und vielleicht sogar ganz süß, aber wenn plötzlich der eigene Tag nur aus der Erbringung von Dienstleistungen für jemanden anders besteht und man keine planbaren Pausen hat, dann kann einen das schon mal viele Nerven kosten. Auch wenn dieser jemand das eigene Kind ist.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Der einzige, der im Wochenbett wirklich schläft und sich von der Geburt ausruht, ist der Säugling. Und das ist auch okay so – was jedoch nicht okay ist, ist dass man darauf als Frau so extrem schlecht vorbereitet wird. Man liest von gemütlichen Nachmittagen im Bett, bei denen sich das Kind an einen schmiegt, man selbst ein gutes Buch liest und der Partner einem Tee bringt. Man hört von einer “wundervollen Bonding-Zeit für Mutter und Kind”, aber man erfährt selten, dass sich vierundzwanzig Stunden ohne Schlaf auswirken wie 0,8 Promille Alkohol im Blut. Man liest selten (aber zum Glück immer öfter) von postpartaler Depression oder davon wie schwierig es ist, für eine Frau in so kurzer Zeit in eine so neue und ungewohnte Rolle hineinzuwachsen und was dieser “Clash” des vor-dem-Baby und nach-dem-Baby mir der weiblichen Psyche anstellt. Ich bin für ehrliche Wochenbettberichte und mehr Aufklärung – vielleicht würde das auch dazu beitragen, dass sich nicht, wie derzeit laut Statistik bewiesen, extrem viele Elternpaare im ersten Baby-Jahr trennen. “Wer nichts weiß, muss alles glauben” und wenn man gut informiert ist, dann kann man sich zumindest etwas besser auf eine neue Situation vorbereiten. Und aus meiner Sicht gibt es nichts neueres, lebensveränderndes, als ein Kind in die Welt zu setzen.

Published by thingsioverthought

I live in Offenbach and I love writing, reading, travelling, exploring new locations, hiking, eating, cooking, baking, Zumba, software development (weird, right?), analyzing people, romatic comedies (of course), the English language, trying out new stuff and vintage furniture.

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